Der Karlsruher Palliativausweis

Eine wichtige Orientierungshilfe im Notfall

Der Karlsruher Palliativausweis ist ein Angebot für Patienten, die sich auf Grund einer fortgeschrittenen Erkrankung in der letzten Lebensphase befinden. Mit Hilfe dieses Ausweises können Patienten selbst bestimmen, welche Maßnahmen im Notfall vorgenommen werden beziehungsweise nicht mehr durchgeführt werden sollen. Der OSP Karlsruhe ist mit dem Palliativausweis Vorreiter in der Region und hat seit der Einführung Ende 2015 sehr gute Erfahrungen damit gesammelt.

Dr Anne Ruellan, ärztliche Koordinatorin des Teams Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV) des OSP Karlsruhe brachte 2015 den Stein ins Rollen. Inspiriert durch eine Initiative aus Essen machte sie sich stark für die Etablierung des Ausweises in Karlsruhe und der Region. Aus Erfahrung weiß die Ärztin, dass Patienten, die sich auf Grund einer fortgeschrittenen Erkrankung in der letzten Lebensphase befinden, oft eine Einweisung in ein Krankenhaus und die Durchführung von intensivmedizinischen Maßnahmen zum Lebenserhalt ablehnen. „Dennoch rufen Angehörige aus Angst, Verunsicherung oder Überforderung in kritischen Situationen oder auch in der Sterbephase nicht selten den Rettungsdienst oder einen Arzt, der sich dann damit konfrontiert sieht, dass der Patient nicht mehr entscheidungsfähig ist, es keine sicheren Informationen zu seinen Wünschen gibt und der akute Handlungsbedarf keine Zeit lässt, eine ausführliche Patientenverfügung zu lesen“, erklärt die Palliativmedizinerin. „In dieser Situation ermöglicht uns der Palliativausweis, sich schnell und umfassend über die bindenden Wünsche des Patienten zu informieren, um so eine Behandlungsentscheidung im Sinne des Patienten treffen zu können“, so Ruellan weiter. Ihren Angaben zufolge ersetzt ein Palliativausweis keine Patientenverfügung. Er ist eine kurze Version, gedacht für die Notfallversorgung von Schwerkranken.

„Von Seiten des OSP Karlsruhe haben wir die Idee unserer Kollegin Anne Ruellan gerne aufgegriffen und den Entschluss gefasst, die Essener Initiative auch in Karlsruhe zu etablieren“, erklärt Dr. Martin Binnenhei, Geschäftsführer des OSP Karlsruhe. Binnenhei empfiehlt Patienten, die an einer fortgeschrittenen und unheilbaren Erkrankung leiden, sich in Abstimmung mit ihrem Behandlungsteam mit dem Palliativausweis auseinanderzusetzen und ihn auszufüllen, wenn es den Betroffenen wichtig ist, dass im Notfall eine Behandlung so erfolgt, wie sie es sich wünschen.

Nach Einschätzung von Prof. Dr. Meyer zum Büschenfelde, Klinikdirektor der Hämatologie, Onkologie, Immunologie und Palliativmedizin an den ViDia Christliche Kliniken Karlsruhe, schützt der
Palliativausweis nicht einwilligungsfähige Patienten in Notfallsituationen vor unerwünschten medizinischen Maßnahmen. „Die Angaben auf dem Palliativausweis helfen, einen raschen Kontakt zu den behandelnden Ärzten herbeizuführen und ohne Verzögerung im Sinne des Patienten zu entscheiden. Damit lässt sich in vielen Situationen unnötiges Leid vermeiden“, so Meyer zum Büschenfelde.

Auch für Prof. Dr. Martin Bentz, Klinikdirektor der Medizinischen Klinik III mit den Schwerpunkten Hämatologie, Onkologie, Infektiologie und Palliativmedizin, liegen die Vorteile des Ausweises klar auf der Hand. „Mit den Informationen des Palliativausweises kann jeder Arzt unmittelbar die erforderliche medizinische, pflegerische oder psychosoziale Betreuung einleiten. Auch der Rettungsdienst kann entsprechende Fachleute direkt anfordern, wenn sie in die Patientenbetreuung involviert sind. So können vorhandene belastende Symptome des Patienten auch außerhalb des Krankenhauses schnell gelindert werden“, erklärt Bentz.

Prof. Dr. Johannes Claßen, Klinikdirektor Strahlentherapie, Radiologische Onkologie und Palliativmedizin der ViDia Christliche Kliniken Karlsruhe, rückt die Selbstbestimmung des Patienten in den Fokus. „Der Palliativausweis ist eine weitere Möglichkeit für Patienten, ihren letzten Lebensabschnitt so weit wie möglich selbstbestimmt zu führen.“ Gleichzeitig ist er nach seiner Einschätzung eine Unterstützung für alle ärztlichen und pflegerischen Helfer, um die oft schwierige Balance zwischen einem Zuviel und Zuwenig an Diagnostik und Behandlung bestmöglich im Sinne des Patienten zu gestalten.

Auch Dr. Maria Procaccianti, Ärztin der Gemeinschaftspraxis für Hämatologie, Onkologie und Infektiologie unterstreicht noch einmal die Bedeutung des Palliativausweises für die Notärzte und Rettungskräfte. „Der Palliativausweis ist eine wichtige zusätzliche Information für Notarzt und Rettungskräfte. Er hilft, Situationen zu klären und trägt dazu bei, dass Palliativpatienten in einem Notfall so behandelt werden, wie sie es sich wünschen“, so die niedergelassene Onkologin.

Anhand der gemachten Erfahrungen und der vielen positiven Rückmeldungen von Patienten, Angehörigen, Notärzten und niedergelassenen Ärzten reüssiert Binnenhei, dass es wichtig und richtig war, den Palliativausweis in Karlsruhe und der Region zu etablieren.

Abschließend informiert Ruellan, dass der Ausweis kostenlos von Ärzten über das Palliative Care Team des OSP/SAPV Karlsruhe in der Steinhäuserstraße 18 bezogen werden kann. Des Weiteren empfiehlt sie, dass erster Ansprechpartner bei Fragen der behandelnde Arzt ist. Darüber hinaus könne auch das Palliative Care Team des Onkologischen Schwerpunktes/Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung Karlsruhe kontaktiert werden.

 

P.v.l.n.r.: Prof. Dr. Johannes Claßen, Dr. Maria Procaccianti, Prof. Dr. Martin Bentz, Dr Anne Ruellan, Dr. Martin Binnenhei, Prof. Dr. Christian Meyer zum Büschenfelde
 

Text: Petra Geiger
Bildquelle: Petra Geiger